Graz

1128–1600

1128–1600
Graz 1128–1600
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1128 als Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung der Stadt Graz ist historisch umstritten, nicht jedoch die Stadtwerdung im 12. Jahrhundert mit einem Markt, Gerichtsbarkeit und zunehmender Befestigung. Für die Landesfürsten wird  die geografische Lage aus wirtschaftlichen und strategischen Gründen zunehmend interessant. Graz wird zur Residenzstadt des Herzogtums Steiermark bzw. von Innerösterreich. Parallel zu dieser Aufwertung entwickelt sich im Mittelalter aus den Gewerbetreibenden heraus eine selbstbewusste bürgerliche Schicht.

Florierende Zeiten, kriegerische Auseinandersetzungen und wirtschaftliche Krisen prägen die wachsende Stadt – auch der zwischen Toleranz und Härte wechselnde Umgang mit religiöser Vielfalt. Juden und Jüdinnen werden unter Drängen des Bürgertums Ende des 15. Jahrhunderts vertrieben. Die um 1550 weitgehend protestantische Bürgerschaft wird von den katholischen Landesfürsten spätestens 1600 zum Katholizismus gezwungen. Graz wird zum Zentrum der Gegenreformation.

Ein Fronbote (Gerichtsdiener) mit Stab und Schwert nimmt einer Zeugin den Eid ab. Frauen durften damals auch in eigener Sache nicht ohne männliche Begleitung vor Gericht stehen.

Im Zentrum des Bildes ist Stadtrichter Strobel an seiner Amtstracht und dem Richterstab zu erkennen. Er ist Symbolfigur einer selbstbewussten stadtbürgerlichen Rechtsprechung. Neben ihm sitzen zwei Laienrichter (Schöffen).

In seinem bürgerlichen Beruf war Stadtrichter Niclas Strobel Fleischermeister – erkennbar an dem Zunftzeichen. Sein Wohlstand erlaubte es ihm, die befristeten Ämter des Stadtrichters und des Bürgermeisters auszuüben.

Der vor dem Stadtrichter kauernde Hund steht für die biblische Gestalt des König Salomon. Das nach ihm benannte „salomonische Urteil“ bezeichnet ein besonders weises und gerechtes Urteil.

Die streitenden Parteien bzw. ihre Vertreter stehen außerhalb der Schranne, dem durch eine Holzwand abgetrennten, rechtlich geschützten Bereich. Das Schriftstück, womöglich ein Vertrag, könnte auf einen Mitgiftstreit hindeuten.

Gerichtstafel des Stadtrichters Niclas Strobel Alpenländischer Maler, 1478

Die rechtliche Autonomie der Stadt

Das 1478 datierte Tafelbild hat zwei Erzählebenen. Einerseits präsentiert es den Grazer Stadtrichter Niclas Strobel bei seiner Amtsausübung. Es zeigt, wie der Gerichtsdiener eine Zeugin vereidigt und die Schöffen das Urteil diskutieren. Damit ist es eines der ältesten Bilddokumente der städtischen Rechtsautonomie in Europa. Andererseits veranschaulicht die Darstellung das religiöse Weltbild des Mittelalters. Über der weltlichen findet eine himmlische Gerichtsszene statt, denn alle Menschen haben sich letztlich vor Gott zu verantworten.

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Leichenzug Erzherzog Karls II. Georg Peham, 1594

Der Kampf der Konfessionen steht still

Monarchische Trauerzeremonien dienten der Herrschaftspropaganda. Ein Leichenzug wurde vom Protokoll des Hofzeremoniells bestimmt und war Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse. Als der Leichnam Erzherzog Karls II. von Innerösterreich 1590 von Graz zum Mausoleum nach Seckau geleitet wurde, erschienen die realen Verhältnisse jedoch in einem milden Licht. Trotz des harten Vorgehens der Katholik/-innen im Zuge der Gegenreformation erwiesen auch Protestant/-innen dem toten Monarchen die letzte Ehre. Er war als Rahmenklammer des Reiches in diesem Moment wichtiger als die gespaltenen konfessionellen Überzeugungen der Teilnehmer/-innen.

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Graz als ein Zentrum der Gegenreformation

Der Epochenübergang vom Spätmittelalter in die Frühe Neuzeit äußerte  sich im offenen Ausbruch religiöser Konflikte. Diese verbanden sich mit den dynastischen Interessen der Herrschenden. Machtmissbrauch und Verweltlichung der römisch-katholischen Kirche sowie Entfremdungen von seelsorglichen Verpflichtungen gegenüber dem einfachen Volk bildeten Hauptkritikpunkte der Reformation, welche sich rasant ausbreitete. Hinzu kam die wachsende Bedrohung des vorstoßenden Osmanischen Reiches im Osten. Nach dem Sieg über Ungarn versuchten die Osmanen ihren Machtbereich auf Wien und die österreichischen Erblande auszudehnen.

Beides wollten die katholischen Mächte unter Führung der Habsburger nicht hinnehmen. Die Osmanen sollten durch die eigens gegründete „Militärgrenze“ in Schach gehalten und die Erblande gewaltsam rekatholisiert werden. Graz, die Residenzstadt von Innerösterreich, wurde ein Zentrum der Gegenreformation – und das anbrechende 17. Jahrhundert zum Zeitalter der Religionskriege.

Legende

Katholische Universitäten

Nuntiaturen (diplomatische Vertretungen des Heiligen Stuhls)

Jesuitenkollegs

Grenzen des Osmanischen Reiches 1580

Grenzen des Heiligen Römischen Reiches 1580

Hauptgebiete der Gegenreformation

Katholisch dominierte Gebiete

Protestantisch dominierte Gebiete

shape-square Created with Sketch. Projekt Stadt

Städte gehören zu den Errungenschaften des Mittelalters. Deren ökonomische Stärke überflügelte allmählich jene der Grundherrschaften und stellte eine konsequente Einnahmequelle für Territorialherrn und Könige dar. Steigendes Selbstbewusstsein und Freiheitsstreben manifestierten sich in der Forderung nach politischer Autonomie und nach Privilegien. Die gesellschaftliche Hierarchie des Mittelalters brach auf und neben Adel, Klerus und Landbevölkerung begründete sich ein neuer Stand: das Bürgertum. Vielfältige soziale Gruppierungen und Kulturen bildeten den Ballungsraum Stadt. Hier entluden sich allerdings auch wirtschaftliche, soziale und politische Spannungen in Gewalttaten und Revolten.

Graz trat erstmals Mitte des 12. Jahrhunderts als Stadt in Erscheinung. Von der Stadt mit freiem Marktrecht entwickelte man sich rasch zur führenden Stadt der Steiermark und schließlich, infolge der Erbteilungen der österreichischen Erbländer, zur Residenzstadt von Innerösterreich.

shape-circle Created with Sketch. Geschlechterrollen

Die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern wurden im Mittelalter und in der frühen Neuzeit durch die ständische Ordnung sowie das kirchliche Weltbild bestimmt. Obwohl eine prinzipielle Ungleichheit zwischen dem „starken Mann“ und der „schwachen Frau“ angenommen wurde, zählte zuerst der soziale Stand. Adelige Frauen verfügten gegenüber Männern aus dem Bauern- oder Bürgertum über Privilegien und wirkten auf das politische Geschehen ein. Bürgerliche Frauen standen als „nicht wehrfähig“ unter männlicher Vormundschaft und waren von politischer Mitsprache zur Gänze ausgeschlossen.

Die Vorstellung von weiblichen und männlichen Tugenden war stark religiös geprägt. Frauen sollten im Ideal der Mutter (Gottes) und der Frömmigkeit aufgehen. Katholische Heilige fungierten als Vorbilder für Männer und Frauen in der Verteidigung von Glaube und Kirche.

shape-triangle Created with Sketch. Vielfalt

Im Mittelalter strukturierten Glaube und Frömmigkeit den Alltag – kontrolliert und gelenkt von machtpolitischen Interessen. Die katholischen Herrscher schürten mit Verboten und Privilegien Konflikte zwischen den unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften.

Der jüdischen Bevölkerung war es mitunter verboten, Zunftgewerbe und Ackerbau auszuüben, und den Christen waren Kreditgeschäfte untersagt – somit fungierten Juden primär als Kreditgeber, Kaufmänner und Pfandleiher. Gegen Steuerabgaben erhielten sie Schutz, zur Schuldentilgung wurden sie im 15. Jahrhundert dennoch zweimal des Landes verwiesen: die bei ihnen verschuldeten Landstände wurden als Unterstützung im Krieg gegen das Osmanische Reich gebraucht.

Als die Protestanten im Krieg gegen die Osmanen gebraucht wurden, gewährte man ihnen Religionsfreiheit. Ferdinand II. machte dies allerdings wieder rückgängig. Viele evangelische Bürger/-innen verließen daraufhin Graz – unter ihnen Johannes Kepler.

shape-rectangle Created with Sketch. Stadtbilder

Noch heute verweisen die engen, gekrümmten Gassen und schmalen, langgestreckten Innenstadt-Grundstücke auf die mittelalterliche Anlage von Graz. Im 12. Jahrhundert entwickelte sich aus der kleinen Siedlung um den Schloßberg eine Stadt mit einem Markt, dem Meierhof, ab dem 13. Jahrhundert eine erste Ummauerung des Marktes. Das Zentrum bildete der Schloßberg, auf dem sich bereits eine Festung befand. Auf frühen Darstellungen wird dieser bevorzugt als besonders imposanter Felsen dargestellt, nicht zuletzt um etwaige Feinde abzuschrecken.

Am südlichen Ende des Marktes lag von 1160 bis 1438 das jüdische Ghetto mit einer eigenen Mauer innerhalb der Stadtmauer. Im 13. Jahrhundert verschmolzen die beiden durch den Marktplatz getrennten Ansiedlungen der Kaufmannsniederlassung und des jüdischen Viertels. Die Vorstadt am rechten, westlichen Mur-Ufer entwickelte sich aus einzelnen Weilern zu einer fast geschlossenen Verbauung. Aus Kostengründen wurde von ihrer Einbeziehung in die Ummauerung abgesehen.

Grazer Burg

„AEIOU“ war das geheimnisvolle wie stolze Signum des Humanisten-Freunds, Alchemisten und Büchersammlers von saturnischem Charakter. Auf vielen Kunstwerken und Bauten, die Friedrich III. machen oder erbauen ließ, findet sich diese nie entschlüsselte Vokalreihe. So bereits 1437, als Herzog Friedrich V. von Steiermark noch nicht Oberhaupt des Hauses Habsburg und römisch-deutscher Kaiser war. Die in Österreich gern verbreitete Deutung „Alles Erdreich ist Österreich untertan“ ist deshalb nicht sehr wahrscheinlich.

Hofgasse 15, 8010 Graz
© Wolfgang Thaler

Grazer Burg

„AEIOU“ war das geheimnisvolle wie stolze Signum des Humanisten-Freunds, Alchemisten und Büchersammlers von saturnischem Charakter. Auf vielen Kunstwerken und Bauten, die Friedrich III. machen oder erbauen ließ, findet sich diese nie entschlüsselte Vokalreihe. So bereits 1437, als Herzog Friedrich V. von Steiermark noch nicht Oberhaupt des Hauses Habsburg und römisch-deutscher Kaiser war. Die in Österreich gern verbreitete Deutung „Alles Erdreich ist Österreich untertan“ ist deshalb nicht sehr wahrscheinlich.

Hofgasse 15, 8010 Graz
© Wolfgang Thaler

Leechkirche

Die Vorgänger der „Türkenkriege“ waren die zumeist von militärischen Katastrophen und politischem Streit begleiteten „Gewappneten Züge zum Grabe (Christi)“. In den Kreuzzügen verbinden sich Pilgerfahrt und Kampf gegen die Ungläubigen mit politisch-wirtschaftlichen Interessen. Wesentlicher Träger war der Deutsche Ritterorden, der von Herzog Friedrich II. 1233 nach Graz gebracht wurde. Die 50 Jahre später geweihte Leechkirche des Deutschen Ordens, der bedeutendste frühgotische Sakralbau von Graz, erinnert daran.

Zinzendorfgasse 3, 8010 Graz
© Wolfgang Thaler

Leechkirche

Die Vorgänger der „Türkenkriege“ waren die zumeist von militärischen Katastrophen und politischem Streit begleiteten „Gewappneten Züge zum Grabe (Christi)“. In den Kreuzzügen verbinden sich Pilgerfahrt und Kampf gegen die Ungläubigen mit politisch-wirtschaftlichen Interessen. Wesentlicher Träger war der Deutsche Ritterorden, der von Herzog Friedrich II. 1233 nach Graz gebracht wurde. Die 50 Jahre später geweihte Leechkirche des Deutschen Ordens, der bedeutendste frühgotische Sakralbau von Graz, erinnert daran.

Zinzendorfgasse 3, 8010 Graz
© Wolfgang Thaler

Jesuitenkollegium

Die Jesuiten, im Dienste des Absolutismus stehend, waren neben den päpstlichen Nuntiaturen und dem Index verbotener Bücher wesentliches Instrument der Gegenreformation. Erzherzog Karl II. holte die in Predigt, Schulen und „Seelenführung“ spezialisierten Ordensleute ins überwiegend „protestantisch“ gewordene Graz, wo sie zunächst eine katholische Lateinschule, dann die Universität einrichteten. Daran erinnert der gewaltige Komplex des Jesuitenkollegiums, die Keimzelle der 1585 gegründeten Grazer Universität.

Bürgergasse 2, 8010 Graz
© Wolfgang Thaler

Jesuitenkollegium

Die Jesuiten, im Dienste des Absolutismus stehend, waren neben den päpstlichen Nuntiaturen und dem Index verbotener Bücher wesentliches Instrument der Gegenreformation. Erzherzog Karl II. holte die in Predigt, Schulen und „Seelenführung“ spezialisierten Ordensleute ins überwiegend „protestantisch“ gewordene Graz, wo sie zunächst eine katholische Lateinschule, dann die Universität einrichteten. Daran erinnert der gewaltige Komplex des Jesuitenkollegiums, die Keimzelle der 1585 gegründeten Grazer Universität.

Bürgergasse 2, 8010 Graz
© Wolfgang Thaler

Landhaus

Der katholische Landesfürst suchte absolute Machtkonzentration. Ihm standen die überwiegend evangelischen Landstände gegenüber, die nach politischer Beteiligung und Religionsfreiheit strebten. Ihr stolzes Grazer Denkmal ist dell’Aglios 1565 im Renaissance-Stil ausgeführtes Landhaus. Aber schon 1600 waren alle „Protestanten“, welche die Mehrheit der Grazer Bevölkerung repräsentiert hatten, wieder „rechten Glaubens“ oder aus der Stadt vertrieben. Auch Johannes Kepler, der im Dienst der protestantischen Stände stand.

Herrengasse 16, 8010 Graz
© Wolfgang Thaler

Landhaus

Der katholische Landesfürst suchte absolute Machtkonzentration. Ihm standen die überwiegend evangelischen Landstände gegenüber, die nach politischer Beteiligung und Religionsfreiheit strebten. Ihr stolzes Grazer Denkmal ist dell’Aglios 1565 im Renaissance-Stil ausgeführtes Landhaus. Aber schon 1600 waren alle „Protestanten“, welche die Mehrheit der Grazer Bevölkerung repräsentiert hatten, wieder „rechten Glaubens“ oder aus der Stadt vertrieben. Auch Johannes Kepler, der im Dienst der protestantischen Stände stand.

Herrengasse 16, 8010 Graz
© Wolfgang Thaler