Nachdem Hans Haacke die Mariensäule am Eisernen Tor mit einer an die national­sozialistische Kundgebung von 1938 gemahnenden Ummantelung versieht, wird diese von Rechtsextremen in Brand gesteckt.

Und ihr habt doch gesiegt Hans Haacke, 1988

„Schuld und Unschuld“

Die (fehlende) Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit in Österreich wurde spätestens ab den 1980er-Jahren auch von Künstler/-innen kritisiert. Auf Initiative des Grazer Kunsthistorikers Werner Fenz schuf der Künstler Hans Haacke im Rahmen des steirischen herbst 1988 eine Rekonstruktion des Obelisken, mit dem die Nationalsozialist/-innen 1938 die Mariensäule am Eisernen Tor ummantelt hatten. Das Siegeszeichen war damals als Anerkennung für die „Stadt der Volkserhebung“ gedacht gewesen. Haacke machte mit seinem Mahnmal auf die Verbrechen der NS-Zeit aufmerksam. Rechtsextreme steckten es in Brand. Die Öffentlichkeit reagierte umgehend mit Demonstrationen am Fuß des verbrannten Obelisken.

Fotografie, kaschiert auf Aluminium
67 × 100 cm
Leihgeber: Hans Haacke
Hans Haacke

Bezugspunkte 38/88

Anlässlich des Gedenkens an den „Anschluss“ im Jahr 1938 widmete sich der steirische herbst 1988 ganz dem Thema der nationalsozialistischen Vergangenheit: künstlerische Projekte sollten das öffentliche Bewusstsein schärfen. 16 internationale Künstler/-innen wurden eingeladen, um zu diesem Thema zu arbeiten. Eines der aufsehenerregendsten Werke im öffentlichen Raum war „Und ihr habt doch gesiegt“ des stark politisch, gesellschaftskritisch und bewusst provokant arbeitenden deutsch-amerikanischen Künstlers Hans Haacke.

„Und ihr habt doch gesiegt“

Am 25. Juli 1938 fand in Graz wie in vielen Städten Österreichs eine pompös inszenierte Propagandaschau statt – eine „Totengedenkfeier“ der „gefallenen Blutzeugen der Bewegung“. Vom Hauptplatz, dem „Adolf-Hitler-Platz“, über die Herrengasse bis zum Platz am Eisernen Tor, dem damaligen „Bismarck-Platz“, war die Grazer Innenstadt von Hakenkreuzen überzogen. Am heutigen Eisernen Tor bildete das „Siegesmal“ den Höhepunkt der Inszenierung: ein 20 Meter hoher Obelisk aus Holz, mit rotem Fahnenstoff und nationalsozialistischen Zeichen versehen, auf dem eine Feuerschale angebracht war. Die Säule mit der Inschrift „Und ihr habt doch gesiegt“ war den nationalsozialistischen Tätern des Anschlages gegen die „Ständestaat“-Diktatur unter Dollfuß im Juli 1934 gewidmet.

Provokation der Erinnerung

Die öffentliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit geht in der Zweiten Republik nur zögerlich vonstatten und rechtsradikale Gruppierungen erlebten einen Aufschwung. Hans Haacke setzte dem ein unübersehbares Zeichen entgegen: Fünfzig Jahre nach der nationalsozialistischen „Totengedenkfeier“ ließ er dieses „Siegesmal“ erneut an derselben Stelle rekonstruieren, um es als Mahnmal für die Opfer des NS-Terror-Regimes umzudeuten. Die Opferzahlen bildeten einen textlichen Zusatz auf dem Obelisken. Zudem wurden Texttafeln mit Informationen zur nationalsozialistischen Ideologie und zu den menschenverachtenden Handlungen aufgestellt.

Reaktionen der Öffentlichkeit

Hans Haackes Mahnmal erregte die öffentliche Aufmerksamkeit. Die Monumentalität des in Originalfärbung errichteten Werkes drängte zu einer Auseinandersetzung. Verstärkt wurde dies dadurch, dass sich seine Bedeutung erst auf den zweiten Blick, durch eine inhaltliche Vertiefung mit der Thematik erschloss. Anschläge auf das Kunstwerk aus rechtsradikalen Kreisen wurden befürchtet. Trotz besonderer Sicherheitsmaßnahmen führte ein Brandanschlag aus der Neonazi-Szene zu seiner Zerstörung und einer starken Beschädigung der Mariensäule, die sich darunter befand. Die Täter des Anschlages wurden wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung verurteilt.